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NILS BINNBERG

Aber bitte mit ohne!

Im Wunsch nach Selbstoptimierung wurde unser Kolumnist süchtig nach gesundem Essen – nach Jahren voller Diäten hat er heute eine gesunde Balance gefunden. NILS BINNBERG erklärt seine Sicht auf die Welt der Ohne­-Produkte.

Nils Binnberg, 44, hat über seine Sucht nach gesunder Ernährung in dem Bestseller »Ich habe es satt!« geschrieben. Sein neues Buch »Anders essen: Für unsere Welt, unser Klima und uns selbst« erscheint im Frühjahr im Suhrkamp Verlag.

In den schlimmsten Momenten bin ich mit leeren Händen aus dem Supermarkt gekommen. Kohlenhydrate, Gluten, Zucker – das reinste Giftzeug. Essen bereitete mir ähnli­ches Kopfzerbrechen wie eine Stochastikaufgabe. Vielleicht ist die Frage nach der richtigen Ernährung schon immer Teil der Menschheitsgeschichte gewesen, und sie kommt einem in der Bilderflut der sozialen Medien einfach kom­plexer vor. Auf Instagram finden sich unter dem Hashtag »Food« über 400 Millionen Einträge, vom Avocado­-Stillle­ben bis zum dreistöckigen Cheeseburger. Wohin man blickt, herrscht Überfluss, und dennoch sind wir kein Stück wei­ter als der Frühzeitmensch: Beim Essen geht es um Leben und Tod. Und das nicht, weil wir uns vor dem Fressen oder Gefressen­-Werden fürchten. Nein, wir haben Angst, das Fal­sche zu essen. In Umfragen geben 42 Prozent der Deutschen an, beim Lebensmitteleinkauf Produkte zu wählen, die frei von Zucker, Laktose oder Fruktose sind. Auf das Kleber­eiweiß Gluten, das in Weizen, Dinkel oder Roggen steckt, verzichten neun Prozent. Dabei leiden nach einer Schät­zung des Robert Koch­-Instituts nur 0,9 Prozent tatsächlich unter der Unverträglichkeit. Trotzdem gibt es eine Kuppel­-Website ausschließlich für glutengeplagte Singles, findet man bei Amazon mehr als tausend Glutenfrei­-Kochbücher, über­fluten Ohne-­Produkte die Supermarktregale. Weil 94 Prozent der Käufer nämlich glauben, diese seien gesünder.

In der Ära von politischer Korrektheit und Selbstoptimierung gibt man sich als Konsument der Ohne-­Label als pflichtbewuss­ter Mensch zu erkennen, der die kulturellen Spielregeln der Moral kennt:

Das Gefühl kenne ich bestens. Wenn ich mir morgens Hafer­ statt Kuhmilch in den Kaffee kippe, fühle ich mich tugendhaft wie Greta Thunberg. Schließlich ist der Kohlendioxidausstoß pro Kilogramm fast dreimal so niedrig wie der von wah­rer Milch methanrülpsender Kühe. Allein der Anblick von Öko-­Siegeln auf Lebensmittelverpackungen, sagen Studien der Neurowissenschaft, berauscht uns mit Glücksbotenstof­fen wie ein Marathonlauf. Ganz nach der Idee: Wenn man schon nicht allein das Klima vorm Kollaps retten kann, dann wenigstens mit dem Essen den eigenen Schaden minimie­ren. Pflanzendrinks gingen im vergangenen Jahr ein Drittel mehr als im Jahr zuvor über die Kassenbänder, den Klima­rettern sei Dank. Ganz nach der Idee:

Wenn man schon nicht allein das Klima vorm Kollaps retten kann, dann wenigstens mit dem Essen den eigenen Schaden minimie­ren. Pflanzendrinks gingen im vergangenen Jahr ein Drittel mehr als im Jahr zuvor über die Kassenbänder, den Klima­rettern sei Dank. »Der Mensch ist, was er isst«, sagte der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach Mitte des 19. Jahrhunderts. Man könnte zeitgemäß umdichten: »Der Mensch ist, was er nicht isst.« In unserer Überflussgesellschaft genießt Verzicht ein hohes Ansehen, darum erscheinen uns Ohne-­Produkte besonders gesund. Ein Trugschluss, denn Lebensmittel lassen sich kaum in gesund und ungesund einteilen. Es ist nicht das Teilchen im Grünkohl­-Smoothie oder im Selleriesaft, das eine lebens­verlängernde Wirkung hat.

Vielmehr sind es Lebensstil, Bildung, Einkommen, die Gene. Im Wunsch nach Kontrolle über das schicksalhafte Leben wurde Essen für mich zu Globuli, zum Heilsversprechen. Mit der Erkenntnis, dass man den Einfluss der Ernährung auf die Gesundheit nachweislich nicht messen kann, war die Verblendung für mich vorüber. Heute halte ich es beim Essen wie der Natur­ philosoph Paracelsus: Die Dosis macht das Gift.