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»(…) Keine Angst vor Verführung« Anselm Reyle

ALLES BEGANN MIT FOLIE: Mit dem Material arbeitet Reyle noch immer 97

Alltagskitsch wird zu Kunst — damit ist Anselm Reyle berühmt geworden. Im Südosten Berlins hat er sich eine Stadtrandutopie geschaffen und bereitet in einem ehemaligen Bootshaus der DDR-Wasserpolizei seine kommende Ausstellung in China vor.

Einmal um 360 Grad gedreht und festgestellt: Auf Anselm Reyle möchte man am liebsten lange warten, so magisch ist es hier. Ein leichter Wind rauscht durch die Blätter des verwunschenen Gartens, der inmitten von Ruinen wächst und auf die vorbeifließende Spree blickt. Daneben ein auf Pfeilern sitzendes kantiges Wohnhaus aus Stahl, Glas und Beton, das in der Naturkulisse ein wenig so wirkt wie ein gestrandetes Ufo auf Beinen. In einer ausrangierten Bootshalle auf dem ehemaligen Gelände der DDR-Wasserpolizei befindet sich das Atelier des Künstlers.

Der gebürtige Tübinger hatte das brachliegende Grundstück 2008 ­erworben. Mit seiner Frau, der ­Architektin Tanja Lincke, plante und realisierte er gemeinsam eine Stadtrandutopie für Kunst, Natur und Architektur, in der sie mit ihren beiden Kindern leben.

Langsam kommt Reyle über die Wiese herübergeschlendert. Der Hausherr ent­schuldigt sich heiter und in weichem, leicht schwäbischem Dialekt für die kleine Verspätung. Er sei noch am Malen gewesen, was nicht zu ­übersehen ist: Reyle ist von oben bis unten mit Farbe besprenkelt. Er hält ­einen AC/DC-Becher voll Kaffee in der Hand und steckt in einem T-Shirt, auf welchem anstelle von »Star Wars« »True Star« steht. Ein künstlerisches Statement zu kapitalistischem Merchandise, der Größenwahn eines Genies oder einfach Kitsch?

Bekannt wurde Reyle, weil er eine ­alltägliche silberfarbene Dekorations­folie auf Keilrahmen spannte und behauptete, das sei Kunst.

In den 1990ern war er nach Berlin-Neukölln gezogen, zu einer Zeit also, als in dem rauen Bezirk von Gentrifizierung und Hipstern noch nichts zu sehen war. Ihm fiel auf, dass viele der Geschäfte dort mit dieser kitschigen Folie ihre Schaufenster dekorierten, »weil die kaum was kostet und richtig faszinierend aussieht«.

Seine »foil paintings« wurden in der Kunstwelt schnell zum Gesprächs­thema. Während sich die eine Hälfte empörte, fand die andere das bahnbrechend. Seine Werke provozierten und polarisierten. In der abstrakten Malerei mit Kitsch, Effekthascherei und dekorativen Elementen zu arbeiten galt bis dato unter seriösen Künstlern als Tabu. Woran das liegt? »Die ­Menschen haben Angst, von der inhaltslosen Oberfläche verführt zu werden«, glaubt Reyle, der ganz klassisch Malerei studiert hat.

Für seine damals noch junge Karriere war der Rummel von Vorteil. Längst gilt Reyle als Star, seit den frühen Nuller­jahren zeigt er Ausstellungen in namhaften Kunstpalästen weltweit, zu seinen Sammlern zählt etwa der Mäzen und Multimilliardär François Pinault. Die Erfolgsfolie benutzt er bis heute in seinen Werken. Etwa in ­seiner neuen abstrakten Bildserie, an der der Künstler gerade in seinem Atelier arbeitet und die man sich am besten selbst anschaut.

Reyles Studio gleicht einer Lagerhalle für Malereibedarf, in welcher es eine mittelschwere Explosion gegeben hat. Meterhohe metallische Regale reihen sich bis unter die Decke, bestückt mit Pinseln, Farbdosen und sonstigem Bedarf, während der gesprenkelte Fußboden wie auch die allerorts ­verstreuten Utensilien und Leinwände einen Beweis für seinen Eifer liefern. Der Künstler arbeitet hier momentan auf Hochtouren für eine nahende ­Solo-Ausstellung im Aranya Art Center im chinesischen Qinhuangdao, ­welches er bis Anfang 2021 komplett allein bespielt. Selbst hinreisen kann er aufgrund der Covid-19-Pandemie wohl nicht — »für eine zweiwöchige Quarantäne fehlt mir leider die Zeit«, sagt er.

Für Reyle wird es die größte Einzelausstellung seit seiner Solo-Show in den Hamburger Deichtorhallen 2012, die er selbst als »Retrospektive« ­bezeichnet. Nach der Finanzkrise und mit dem Umzug auf das neue Grundstück spürte der Künstler die Notwendigkeit wie das Bedürfnis, sich selbst zu reduzieren. 2014 zog er sich für eine Weile aus dem Ausstellungsbetrieb ­zurück. In dieser Zeit verkleinerte er auch sein Atelier. Reyle genießt es heute, wieder mehr selbst zu machen und nicht nur die Ideen zu liefern. Das lasse ihm mehr Zeit, dem nachzuspüren, was ihn berührt.

Der Atelierwelpe Willi braucht Auslauf, die perfekte Gelegenheit für einen Spaziergang zu den gigantischen Vasen, die im Ruinengarten verstreut auf verspiegelten Säulen zwischen der Natur zu schweben scheinen. Reyle hat die Vasen — billige Massenware aus brauner Keramik mit einer beißend orangefarbenen Musterung, wie sie in den 1970ern mal Konjunktur hatte — in einem Neuköllner ­Trödelladen gefunden, auf zwei Meter Größe nachdrehen lassen und auf Sockel gestellt.

DIE HAUSBAR von Anselm Reyle, jetzt auch im Pop-up der König Galerie in der 5. Etage

Die meisten seiner Arbeiten sind soge­nannte Objets trouvés. Indem er sie vergrößert, ihnen eine andere Materialität und einen anderen Kontext gibt, erhöht er sie zur Kunst. Manchmal findet er die Alltagsgegen­stände sogar­ in seinem Studio selbst, wie die farbbesprenkelten Böcke, die er gemeinsam mit seiner Berliner König Galerie zu einer Hausbar umfunktioniert und als Edition herausgebracht hat. Ist das Kunst oder schon wieder Alltag? Am besten, man entscheidet selbst.

Materialschlacht im Atelier

SPIEGELT SCHÖN: »Intimacy«, 2008

Text
Celina Plag

Fotografie
Christian Werner