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»Wo wir lange hinschauen, wird die Welt immer größer.«

Jorinde Voigt

In einer ehemaligen Industriehalle an der Spree erforscht die Künstlerin die Umwelt durch ihre Wahrnehmung. Ein Studiobesuch in Oberschöneweide.

Die Künstlerin in ihrem Atelier

Neulich kam ein Flaschensammler herein. Die Sonne schien, und die Türen von Jorinde Voigts Studio ­waren geöffnet. Da stand er in diesen gigantischen zwölf Meter hohen Räumen einer ehemaligen Fabrikhalle an der Spree, inmitten der Kunstwerke einer der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen der Gegenwart, und erkundigte sich nach Pfand. Außerhalb des Stadtkerns von Berlin treffen solche unterschiedlichen Welten tatsächlich noch aufeinander. In der Nachbarschaft arbeiten ähnlich erfolgreiche Kollegen, wie Alicja Kwade, Ólafur Elíasson und Tomás Saraceno. Jeder hat sich hier seinen ganz eigenen Kosmos geschaffen.

Gemeinsam mit dem Architekten Daniel Verhülsdonk hat Voigt sich 2018 auf 900 Quadratmetern einen mini­malistischen, lichtdurchfluteten Arbeitsort gestaltet: anthrazitfarbene Decken und Böden, farbige Wände. Die Künstlerin und Professorin für konzeptuelle Zeichnung und Malerei hat eine Art Haus ins Haus gebaut, das privatere Büros, Küche, Bibliothek, eine Lounge mit bunten Zementfliesen und Acapulco Chairs durch Treppen mit den offenen Atelierräumen verbindet. Voigt sitzt vor einem in die Wand eingelassenen Kamin und blickt durch die himmelhohen ­Industriefenster auf die vorbeifließende Spree. Sie trägt Jeans, ein dekonstruiertes T-Shirt und Sneakers.

Mit ihrem kantigen, kupferroten Kurzhaarschnitt scheint sie perfekt in das Arrangement aus Zeichentisch, nach Farben sortierten Stiften und akkurat auf dem Boden angeordneten Bildern zu passen. »Ich arbeite gerne hier. Die Natur, genauso wie die Räume, beeinflusst meine Kunst.« Voigt kombiniert für ihre teilweise meterhohen Bilder Linien, Text, Zahlen und Diagramme zu grafisch-­filigranen Arrangements. Das Centre Pompidou und das Museum of Modern Art besitzen Arbeiten, sie stellt weltweit in den wichtigsten Galerien und in Berlin bei Johann König aus. Zarte Bögen, gestrichelte Linien und schwerelose Körper scheinen dabei als Archetypen auf die ureigenen Strukturen und ­Handlungsweisen von Bewegungen, Körpern und Klängen zu verweisen. »Mein Hauptinteresse gilt der Untersuchung von Wahrnehmung. ­

Eigentlich entwickle ich permanent Methoden, um sie weiter zu erforschen«, erklärt Voigt. Takt, Rhythmus, Sound, die Anwesenheit von Musik in ihrem Werk kommt nicht von ungefähr. Voigt hat als Kind eine klassische musikalische Ausbildung bekommen und Cello gespielt — zu streng, als dass sie darin hätte frei sein können. »Um mit der Welt klarzukommen, musste ich mich mit allem extrem auseinandersetzen, sonst hätte die mich einfach nur verschluckt«, sagt sie. Musik hört sie ­fortlaufend, von Trap über Sakamoto bis hin zu Beethoven, um dessen Sonaten sich übrigens einige ihrer bekann­testen Arbeiten drehen und welche sie in diesem Beethoven-­Jubiläumsjahr in Brüssel ausstellt.

Mit »Immersive Integral« und »Immersion« taucht Voigt seit drei Jahren ins Innere — und in Farbe. Sie sagt: »Damals habe ich mich ganz vom weißen Blatt Papier verabschiedet.« Seitdem zieht sie die Papierblätter durch Wannen voll Blau, das viel kräftiger ist als das verwässerte Trübe der Spree. Eine einzige Sauerei sei das, nach der die Künstlerin selbst von oben bis unten durchpigmentiert ist.

Es fällt schwer, sich Jorinde Voigt, die so sauber aufgeräumt wirkt wie die Räume um sie herum, mit Farbe bekleckert vorzustellen. Für die Künstlerin sei das wie Ebbe und Flut: »Auf das Chaos muss wieder Ordnung folgen, die ich zum Arbeiten brauche.« Außerdem spiegele das Äußere ja auch das Innere wider.

Die Innenschau fiel Voigt anfangs schwer, wurde dann aber zu einem spannenden Prozess. Sie sagt: »Wo man lange hinschaut, wird die Welt immer größer.« Denn wer sich selbst entdeckt, entdeckt sich als Teil einer kollektiven Erfahrung, die sich letztlich auch in die Kunst einschreibt. Wie der Wind oder kleine Regen­tropfen, die auf Voigts trocknenden Bildern feine Spuren hinterlassen. Sogar im Studio hat die Umgebung als Co-Autorin mitgewirkt: Die Wandfarben seien eine Referenz auf das, was sie vor der Tür finde, so Voigt. »Es sind die Töne, die ich schön finde. Was wir als schön empfinden, beruhigt uns.«

Demnächst möchte Voigt sich weiter dem Studium der Natur und kulturellen Mustern widmen. Was genau das wird, weiß sie noch nicht, aber fest steht, dass die Auseinandersetzung mit Farbe noch mehr Aufmerksamkeit bekommt. Auch das Studio selbst wird das verändern. Voigt sagt: »Alles ist so angelegt, dass man aus jedem Raum prinzipiell alles machen kann.« Das betrifft ihre Kunst und im Grunde auch sie selbst: Jede Grundordnung gibt Jorinde Voigt die Freiheit, in ihr selbst beweglich zu bleiben.

»Immersive Integral / Turn Study IV«, 2019 Tusche, Blattgold, Pastell, Ölkreide, Graphit auf Papier, gerahmt, 88 x 157 x 12 cm
Kleine Originale und limitierte Editionen von Jorinde Voigt sind bei der Galerie König in der 5. Etage erhältlich

Viel Platz, viel Licht von oben: So arbeitet Jorinde Voigt in ihrem Studio

Cool durchdacht: Der Innenausbau ist aus Holz, die Oberfläche ein Lehmputz – gut für Klima und Akustik

Text
Celina Plag

Fotografie
Amanda Holmes